Arbeitsgruppe Ökonomisierung in der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM)

 

Aktuelles vom 7.2. 2019


Der Kinofilm "Der marktgerechte Patient" ist im Rahmen einer Art crowdfunding-Initiative

produziert worden und kann im Moment von örtlichen Initiativen in der ganzen

Bundesrepublik angefordert und vorgeführt werden. Ich habe ihn vor ein paar Tagen hier in

Marburg gesehen, wo er zum zweiten Mal lief. Beim ersten Mal war es so voll, dass Leute

wieder nachhause gehen mussten.

 

Der Film sammelt Beispiele für Mißstände im deutschen Krankenhauswesen, kritisiert die

Ökonomisierung und führt sie auf das DRG-System zurück. Er ist also nicht der erste Film

dieser Art. Neu ist allerdings die Art der Kampagne als nicht-kommerzieller Kinofilm.

Bemerkenswert sind zwei in ihm enthaltene statements, eines von dem

Krankenhausgeschäftsführer Mintrop und eines von der ehemaligen Präsidentin der

Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, Frau Prof. Schumm-Dräger. Herr Mintrop

berichtet, dass er alle Beratungsfirmen aus seinem Haus verbannt hat und auf die

Kompetenz der eigenen Mitarbeiter setzt. Dabei stellten sich Erfolge zwar etwas später,

dafür aber dauerhafter und in konstruktiverer Atmosphäre ein. Frau Schumm-Dräger, die

an dem Klinik Codex mitgewirkt hat und ihr Münchener Krankenhaus "unter Protest"

verlassen hat, sagt in die Kamera: "Wenn die Ärzteschaft einig wäre, könnte sie viel

erreichen".

 

Der Film baut, wie so viele andere und berechtigte Kritik, unausgesprochen darauf, dass

soviel Missstand - man weiß nicht wie - irgendwann zur Korrektur führen muss. Mehr an

Handlungsperspektive als diese beiden statements gibt er nicht. Immerhin darf man hoffen,

dass er das Problembewußtsein in der Öffentlichkeit stärkt. Dadurch, dass er das

DRG-Vergütungssystem zum Hauptschuldigen erklärt, verdeckt er aber leider die so

problematische Untätigkeit der verfassten Ärzteschaft, also des einzigen Akteurs, von dem

wirksamer Widerstand erwartet werden kann. (Friedrich Heubel)

  



Aktuelles vom 31.1.2019


Value for Money - schon vor mehr als 40 Jahren formuliert


In vielen Industrieländern führen steigende Aufwendungen im Gesundheitswesen zu Konflikten, sind doch die gesellschaftlichen Ressourcen (z.B. Finanzmittel, aber auch Fachpersonal) begrenzt. In Deutschland beobachten wir unter dem Begriff “Medizin gegen Ökonomismus“ einerseits Bemühungen um eine patientenzentrierte und ressourcenschonende Versorgung („choosing wisely“), während andererseits Träger von Gesundheitseinrichtungen zum Zweck der „Erlösoptimierung“ mittels Kostensenkungen besonders im Personalbereich und Mengenausweitung lukrativer Leistungen versuchen, mikroökonomisch vorteilhaft, letztlich aber zu Lasten der Gesellschaft zu agieren.

Seit Anfang des Jahrtausends wird die Forderung lauter, anstelle der Bezahlung von „Leistungen“ (medizinischer Maßnahmen, „input“) das Ergebnis von Behandlungen aus objektiver und subjektiver Patientensicht („output“) zum Maßstab der Ressourcenzuteilung zu machen und dabei auch den relativen Nutzen im Vergleich zu anderen Maßnahmen in die Überlegungen mit einzubeziehen. Hauptvertreter dieser Strömung sind insbesondere Michael E. Porter[1] und Sir J.A. Muir Gray[2]; die dazugehörigen Stichworte wären „Value Based Healthcare“ oder „Triple Value Healthcare“.

Vor diesem Hintergrund lohnt sich die Lektüre des vor mehr als 40 Jahren publizierten Buches „Value for Money in Health Services“[3] von Brian Abel-Smith, damals Professor of Social Administration an der London School of Economics and Political Science. In 12 Kapiteln auf gut 200 Seiten beschäftigt sich Abel-Smith mit grundlegenden gesundheitspolitischen Fragen von der Krankenversicherung über die Planung von Gesundheitsleistungen, die Ausbildung in Gesundheitsberufen, bis zur Honorierung der Ärzteschaft, dem medizinischen „Markt“ und der Rolle der Pharmaindustrie.

Wiederholt betont Abel-Smith die entscheidende Bedeutung der professionellen Haltung („ethics and social commitment“) der Ärztinnen und Ärzte als conditio sine qua non eines patientenzentrierten Gesundheitssystems. Viele seiner Gedanken haben an Aktualität und auch Dringlichkeit nichts verloren, die nachfolgend willkürlich zusammengestellten Zitate regen auch heute zum Nachdenken an.


   

[1] Porter, M. E. (2010). "What is value in health care?" N Engl J Med 363(26): 2477-2481


  

[2] Gray JAM (2013) The shift to personalised and population medicine. Lancet 382:200-201


  

[3] Abel-Smith A (1976) Value for Money in Health Services. Heinemann Educational Books Ltd.,

ISBN 0 435 820006 0





Aktuelles vom 22.12. 2018


Die Soziologen Ulrich Oevermann und Marianne Rychner gehören zu den Experten für Profession, Professionalität und Professionalisierung. Oevermann hat, beginnend vor drei Jahren, mehrere Krankenhausaufenthalte in der Schweiz und Deutschland durchgemacht. Darüber haben die Autoren in der Zeitschrift der Ärztegesellschaft des Kantons Bern berichtet. Sie haben also sozusagen eine Kasuistik aus Patientensicht geliefert. Anders als die “von den Sozialwissenschaften häufig genährte” Ideologiekritik, die Professionsethik auf Statuspolitik reduziert, finden sie die ärztliche Praxis “stabil professionalisiert”. Ihre soziologisch geschärfte Wahrnehmung lässt aber einen kommunikativen Defekt in der arbeitsteiligen medizinischen Wirklichkeit hervortreten, der hinter dem unmittelbaren Arzt-Patient-Verhältnis steht. Er beeinflusst das ärztliche Handeln in der Schweiz und in Deutschland in offenbar deutlich unterscheidbarer Weise. Wir dokumentieren den Artikel unter Downloads.




Aktuelles vom 22.11. 2018


Der Offene Brief der Konzernbetriebsräte von Asklepios und Helios von 2017 ist lesenswert. In seinen Thesen zur Ökonomisierung des Gesundheitswesens beschreibt er die strukturellen Defizite der klinischen Versorgung in Deutschland umfassend und detailliert. Wir dokumentieren ihn unter Downloads. Dieser Offene Brief ist Teil einer Diskussion, die endlich zu einer Initiative der Bundesregierung geführt hat, die Situation der Pflege und der Pflegenden konkret zu verbessern. Auf eines aber bleibt hinzuweisen. Der tatsächliche Aufwand für die Pflege am Krankenbett soll jetzt getrennt erfasst werden. Der tatsächliche Bedarf an Pflege kann aber nur durch die Pflegeprofessionellen ermittelt werden.  Diese Voraussetzung wird nicht nur nicht erfüllt, sondern auch nicht thematisiert. Ein Defekt, der grundsätzlich auch für die ärztliche Versorgung gilt.





 

Koalitionsvertrag (Teil Gesundheit)  unter Download

 

 


Dauernd aktuell – Dieter Birnbacher und Heiner Raspe im Symposium der Leopoldina.

 

Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften – hat am 21. Januar 2016 ein Symposium mit dem Titel „Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitswesen“ abgehalten. Dabei haben Prof. Dieter Birnbacher und Prof. Heiner Raspe Impulsvorträge gehalten, deren Themen im Fokus unserer Arbeitsgruppe stehen. Wir dokumentieren sie hier im Wortlaut (unter Downloads).   

 

Der Philosoph Birnbacher („Zum grundsätzlichen Verhältnis zwischen Medizin und Ökonomie“) stellt die ethische Grundproblematik knapp und einleuchtend vor. Ausgehend von dem Befund, dass es beim medizinischen Personal einerseits innere Opposition, andererseits Internalisierung der ökonomischen Ausrichtung zu beobachten ist, wird zwischen „Wirtschaftlichkeit“ und „Ökonomisierung“ unterschieden. Das ärztliche Berufsethos habe die Aufgabe, die originär medizinischen Aufgaben von den externen gesellschaftlichen Anforderungen abzugrenzen und zu verhindern, das die wesentlichen ärztlichen Zielsetzungen von damit nur bedingt vereinbaren Gesichtspunkten verdrängt werden. Damit ermögliche das ärztliche Berufsethos die unabdingbare Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient im Sinne eines „antizipatorischen Systemvertrauens“.

 

Der Sozialmediziner Raspe („Problemfeld Indikationsstellung: dem Individuum und/oder dem Patientenkollektive verpflichtet?“) geht in die Details und skizziert mögliche Handlungsoptionen. Die Indikationsstellung bilde ein Zentrum klinisch-professionellen Handelns, sie sei – allerdings im Rahmen einer gesellschaftlichen  Prisorisierung - dem individuellen Patienten verpflichtet. Ihr entspreche am ehesten das schwedische Modell des Vorrangs für schwer und prognostisch ungünstig Erkrankte unter Inkaufnahme von Effizienzverlusten, verglichen mit dem Vorrang betriebswirtschaftlicher Optimierung oder utilitaristischer Maximierung der Gesundheits-Gesamtsumme. Es kommen die relevanten Akteure in den Blick: „Hier wartet eine ernste und dringende Aufgabe auf die Kliniker, ihre Aus-, Weiter- und Fortbildung, ihre Kammern und Wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Ob sie angegangen wird? In Deutschland ist die internationale Diskussion um den medical professionalism in the new millenium nie in Gang gekommen“.  

   

Das ganze Symposium bestand aus fünf Sektionen mit jeweils 15minütigem Impulsbeitrag und anschließender Diskussion:

Sektion 1: Wovon sprechen wir? Fallzahlsteigerungen und Qualität: Fakten und ihre Interpretation (Busse)

Sektion 2: Zum grundsätzlichen Verhältnis zwischen Medizin und Ökonomie (Birnbacher)

Sektion 3: Die Perspektive der Patienten (Strech)

Sektion 4: Problemfeld Indikationsstellung: dem Individuum und/oder dem Patientenkollektiv verpflichtet? (Raspe)

Sektion 5: Vergütungssysteme im Spannungsverhältnis zur Ausrichtung der Medizin (Wasem).

Es ist abrufbar unter:

https://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/publication/zum-verhaeltnis-von-medizin-und-oekonomie-im-deutschen-gesundheitssystem-2016/